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Ein Marathon der etwas anderen Art 


Am 20.05.2012 fand zum wiederholten Mal der Darmstädter Knastmarathon statt. Eine JVA-eigene Veranstaltung, die der Förderung der Resozialisierung und dem gemeinsamen Lauferlebnis dient.
Nach Einschleusen, Taschendurchleuchtung, Leibesvisitation und „Abschnuppern“ durch den Drogensuchhund, durften die ca.150 Nichtinsassen das Gelände betreten. Ohne die Gitter vor allen Fenstern würde man sich wie in einer großen Kaserne fühlen. Anmeldung, Umziehen, Kleiderabgabe funktioniert prächtig, wird doch die Organisation vom Veranstalter des BMW Frankfurt Marathons unterstützt.
Am Start – ich stehe wie immer ganz hinten – unterhalte ich mich mit einigen der 30 Männer, die über sechs Monate im Knast trainiert haben, um ihren ersten Marathon zu absolvieren. Sergej, Iwan, Kevin, Ali, Robertas und die anderen sind nervös und fühlen sich wie alle Marathonis vor dem ersten Mal.

Die Runde – vom allseits bekannten Marathonmoderator Arthur Schmidt liebevoll die Knastmeile genannt – muss 24x gelaufen werden. Wegen der vielen Ecken und Kurven ein nicht ganz einfacher Kurs, dafür aber Null Höhenmeter. Die Verpflegung ist excellent, bei den immer weiter steigenden Temperaturen schleppen die Knackis, die zur Unterstützung eingeteilt sind unermüdlich Wasserbottiche herbei und tun alles, um uns Läufer zu unterstützen. Sie sind bereits um 05:00 aufgestanden, haben alles vorbereitet und sind sichtbar stolz und glücklich über die Beschäftigung.

Die übrigen „Zuschauer“ teilen sich in drei Gruppen:
diejenigen, die während der Ausgangszeit direkt an der Strecke stehen dürfen
diejenigen, die aus einer Art Käfig zuschauen
diejenigen, die man von innen mit dem Essgeschirr an die Gitter ihrer Zelle schlagen hört

Von „da kommt wieder die Wetzlar Gäng, gib jetzt noch mal alles“ bis „ey Alder, isch hab krass den Respekt vor Deine Leistung“ hört man alle Arten von Anfeuerungen. Offen gestanden möchte ich aber nicht jedem der Jungs alleine begegnen…Dass die durchgeschwitzten Läuferinnen besondere Aufmerksamkeit erhalten, wundert mich nicht...

Zum Ende hin laufen noch Beamte und sogar der Gefängnisdirektor einige Runden mit den Knackis, um sie zu motivieren durchzuhalten. Der Beste liegt im Ziel bei 3:38!! Bei der Siegerehrung sitzen wir alle zusammen und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass Resozialisierung so gut funktioniert und wir letztendlich eine große Läuferfamilie sind. Als mich Florian zum Schluß verabschiedet mit „Bertold, wir sehen uns nächstes Jahr wieder, ok? Ich bin noch fünf Jahre da“, merke ich dann doch wieder wo ich gerade bin….

Die Tatsache, dass der Sieger mit 2:38 eine Bombenzeit hingelegt hat, tritt bei all den Erfahrungen in den Hintergrund. Anzumerken bleibt aber, dass er die letzte Runde des letzten Läufers nach über fünf Stunden mit ihm nochmal gemeinsam gelaufen ist. Eben eine große Läuferfamilie! 

Bertold

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